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Von der Wolle zum Pullover | Altes Wissen

Matthias Ferner junior, Geschäftsführer der Wollgarn-Spinnerei Ferner, mit seiner Lebensgefährtin Marlene Gappmayr vor einem Streichgarnkrempel in der Produktionshalle in Unternberg.

 

Von der Wolle zum Pullover

Matthias Ferner erzählt, wie in seinem Betrieb Wolle verarbeitet wird

Wenn es draußen kälter wird und die ersten Schneeflocken fallen, kuscheln sich viele Menschen gerne in weiche, wohlig warme Pullover und Schals. Bis aus der Wolle von Lamas, Alpakas oder Schafen aber flauschige Winterbegleiter entstehen, sind viel handwerkliches Geschick und Maschinenkraft gefragt. Darüber weiß Matthias Ferner junior, Geschäftsführer der Wollgarn-Spinnerei Ferner in Tamsweg, zu berichten.

Im Jahr 2010 hat der 41-Jährige den Familienbetrieb übernommen, er führt diesen in vierter Generation. Die Frage stellt sich unweigerlich, wie es einen gelernten Tischler in die Textilbranche verschlägt.

Nach meinem Lehrabschluss zog es mich erstmal in die weite Welt hinaus. Bis ich erkannt habe, dass es daheim doch am schönsten ist. Wie meinem Vater gefällt es auch mir, dass ich hier individuell arbeiten kann und nicht in irgendeine Schiene hineingedrückt werde.

Matthias Ferner junior


 

Produziert wird ausschließlich im Lungau. Der Unternehmerfamilie ist es wichtig, dass die Wertschöpfung und Wirtschaftskreisläufe in der Region bleiben. Einzig das Rohmaterial wird zugekauft, denn Lungauer Schafwolle kann aus Qualitätsgründen nicht verwendet werden: „Die Wolle, die wir verarbeiten, muss einen niedrigen Fettgehalt und eine hohe Feinheit besitzen. Das geht nur mit Wolle aus Neuseeland und Südamerika in sogenannter ‚Merinoqualität‘.“ Während grobe Fasern, die mit der Haut in Kontakt kommen, sich nicht krümmen und sich daher kratzig anfühlen, schmiegt sich Merinowolle an die Haut an. Die Merinofaser besitzt nämlich eine Faserfeinheit von 16,5 bis 24 Mikrometer, das sind 24 tausendstel Millimeter. Die Wolle der Lungauer Speiseschafe hingegen kann doppelt so dick sein.

Pro Schur liefert ein Merinoschaf, je nach Größe, durchschnittlich vier bis neun Kilogramm Wolle. Das sind in etwa fünf gestrickte Pullover mittlerer Größe. Nach der Schur wird die Wolle zu Ballen gepresst und verkauft. „Und dann kommen wir ins Spiel“, erklärt Matthias Ferner, „mit unserem zwölfköpfigen Team verarbeiten wir die gepressten Ballen zu Handstrickwolle sowie zu Garnen für den Trachtenbereich, die Industrie und den Weberei-Sektor.“

In der Krempelmaschine werden die Wollfasern solange möglichst schonend geöffnet und parallelisiert bis ein Vlies entsteht. Foto: Ferner-Wolle/Guggemoos.

 

Über das Krempeln, Vorspinnen und Spinnen

Laut rattert die Krempelmaschine am Produktionsstandort der Wollgarn-Spinnerei Ferner – dieser befindet sich in Unterberg – vor sich hin. „Das Prinzip der Krempelei, also wie Wolle auf der Maschine aufgearbeitet wird, ist heute noch genau dasselbe wie damals bei meinem Opa“, erzählt Matthias. Sein Großvater Josef Ferner hat das Unternehmen vor mehr als hundert Jahren gegründet. Damals handelte es sich noch um eine sogenannte „Schlagerei“, in der aus heimischer Schafwolle, ebenso mit einem „Krempel“, Vlies hergestellt wurde.

Der „Krempel“ besteht aus Walzen, die mit vielen kleinen Nadeln übersät sind und die die gepressten Wollballen, wie bei einer Bürste, in eine Richtung streichen. Die Fasern der Wolle werden dabei schonend geöffnet und darin enthaltene Unreinheiten entfernt. Das Rohmaterial wird so lange in eine Richtung gestrichen bis ein dünnes, feines Vlies entsteht. In der Schlagerei von Josef Ferner wurde dieses Vlies von den Bauern abgeholt und mit der Hand selbst gesponnen. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts wird das Vlies in einzelne Fäden, dem sogenannten Vorgarn, aufgeteilt und mit einer Spinnmaschine zu Garn versponnen. „Mein Opa hatte eine Produktionsleistung von zirka 36 Kilogramm in der Woche. Heute erzeugen wir zwischen 800 und 1.000 Kilogramm Garn am Tag“, macht Matthias Ferner den technischen Fortschritt deutlich.

Der Einkauf des Rohmaterials erfolgt über zwei Wollhändler in der Schweiz und in Deutschland, mit denen das Lungauer Unternehmen seit vielen Jahren zusammenarbeitet: „Wir kaufen unsere Merinowolle ausschließlich von zertifizierten Zulieferbetrieben. Es erfüllt mich mit großem Glück, wenn ich ein fertiges Knäuel in der Hand halte und weiß, was es beinhaltet und wo es herkommt.“ Nur zertifizierte Zulieferbetriebe stellen sich gegen die umstrittene Praktik des Mulesing, die vor allem in der australischen Wollindustrie gebräuchlich ist. Dabei werden den Merinolämmern ohne Betäubung große Hautstücke vom Hinterteil entfernt, um einen Parasitenbefall zu verhindern. Matthias achtet beim Ursprung der Wolle nicht nur auf die Qualität, sondern auch auf das Wohl der Tiere: „Mit unseren Produkten verkaufen wir höchste Qualität, gefertigt aus besten Rohstoffen.“ Vor allem beim Endkunden im Einzelhandel, der hauptsächlich im Handstrickbereich beliefert wird, beobachtet der Tamsweger ein Umdenken: „In den letzten Jahren ist die Nachfrage nach Produkten, die in Österreich oder Europa produziert werden, gestiegen. Die Leute wollen wissen, woher die Wolle kommt.“

Bei der Kämmerei werden die kurzen Fasern ausgekämmt. Die langen Fasern werden zum sogenannten Faserflor verstreckt und zu einem Band zusammengeführt – das Vorprodukt für die Spinnerei. Foto: Ferner-Wolle/Guggemoos

Bei der Kämmerei werden die kurzen Fasern ausgekämmt. Die langen Fasern werden zum sogenannten Faserflor verstreckt und zu einem Band zusammengeführt – das Vorprodukt für die Spinnerei. Foto: Ferner-Wolle/Guggemoos

Über Lamas, Alpakas und Schafe

In der Wollgarn-Spinnerei Ferner wird nicht nur Merinoschafwolle verarbeitet. Auch Alpaka- und Lamawolle sind aufgrund ihrer weichen Wollfasern im Sortiment zu finden. Wer gerne superweiche Kleidung trägt, der kann beim Stricken auf die neue Ferner-Wolle „Llama Soft“, auch bekannt als „Babylama“, zurückgreifen. „Bei unserer ‚Llama Soft‘ werden die groben Fasern von den feinen getrennt, sodass nur mehr eine sehr feine und homogene Lamafaser übrigbleibt“, so Matthias Ferner. Diese drei Wollfasern bestechen aber nicht nur durch ihren Kuschelfaktor, sondern auch durch ihr gutes Isoliervermögen, berichtet seine Lebensgefährtin Marlene Gappmayr. Bei hohen Temperaturen, und wenn wir schwitzen, stoßen diese Wollfasern Wärme ab und sorgen dafür, dass sich der Körper abkühlt. Bei niedrigen Temperaturen hingegen speichern diese Fasern die Körperwärme ab.

Obwohl Lama- und Alpakafasern dieselbe Feinheit aufweisen – bis zu 30 Mikrometer – unterscheiden sie sich in ihren thermischen Eigenschaften. Im Vergleich zur Alpakafaser ist der Hohlraum der Lamafaser im Durchmesser größer: „Dadurch wärmt und kühlt die Lamafaser sogar noch besser als die Alpakafaser“, so Marlene, die für den Webauftritt und das Marketing des Unternehmens zuständig ist.

 

Von Unternberg in die weite Welt hinaus

Durch diese Spezialisierung auf Fasern, die von Mitbewerbern nicht geführt werden, kann die Wollgarn-Spinnerei Ferner in Nischen auf dem Weltmarkt bestehen. Der Betrieb beliefert Großhändler in Europa sowie Nordamerika, Südkorea und Malaysien. Im Lungau werden derzeit in drei bis vier Handwerksgeschäften die Produkte der Firma Ferner verkauft.

Auch aufgrund ihrer Betriebsstruktur kann sich die Wollgarn-Spinnerei Ferner gegenüber Fabriken in Niedriglohnländern behaupten: „Es ist vom Betrieb her so, dass jeder Arbeitsschritt hier gemacht wird. Von der Pike auf. Wenn man es selbst macht, hat man die Qualität zu 100 Prozent in der Hand und man kann gleichbleibende Qualität garantieren“, erklärt Matthias Ferner junior. Außerdem gibt es keinen großen Verwaltungsapparat. Wo sonst können die Kunden noch direkt mit dem Chef telefonieren?

Text: Lisa Winter

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf eine geschlechtsneutrale Differenzierung verzichtet. Entsprechende Begriffe gelten im Sinne der Gleichbehandlung grundsätzlich für beide Geschlechter. Die verkürzte Sprachform hat nur redaktionelle Gründe und beinhaltet keine Wertung.

Mit der Veränderung von Wirtschaft, Arbeitswelten und Technologien geht „altes Wissen“ bzw. Erfahrungswissen verloren. Die ältere Generation verfügt noch über dieses Wissen, das in Verbindung mit neuen Technologien und Designs aber durchaus Potential für künftige Entwicklungen bietet. Für den Biosphärenpark Lungau als Modellregion für nachhaltige Entwicklung ist die Erhaltung, Sicherung und Dokumentation von altem regionalem Wissen eine wichtige Aufgabe, um so die nachhaltige Entwicklung der Region voranzubringen.