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Bienen – Die kleinsten Nutztier der Welt | Altes Wissen

Wenn Männer ins Schwärmen geraten

Hans Fötschl und Leonhard Gruber über das kleinste Nutztier der Welt, das mehr als nur Honig liefert

Im Winter ist kein Summen und auch kein Brummen zu hören. In der Bienenhütte von Hans Fötschl in Moosham bei Unternberg ist es still. Mit bloßen Händen hebt der 91-Jährige vorsichtig den Deckel des Bienenstocks an. „Die Bienen sitzen zusammen“, erklärt der erfahrene Imker, „sie halten Winterruhe und bewegen sich nur wenig, um Energie zu sparen.“ Sogar die kalten Winter im Lungau, mit Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt, können den Bienen nichts anhaben, weiß der gelernte Zimmerer: „Je kälter es wird, desto näher rücken die Bienen zusammen. Sie bilden eine Traube um die Bienenkönigin und wärmen sich gegenseitig.“

Im Winter verlassen die Bienen ihren Stock für einige Monate nicht. Erst im Frühjahr, wenn die Temperaturen wieder steigen, fliegen sie aus, um ihre Kotblasen zu entleeren. Während sich im Winter nur etwa 10.000 Bienen in einem Stock befinden, herrscht im Sommer mit 40.000 bis 60.000 Bienen pro Volk Hochbetrieb. „Die Winterbienen können bis zu einem halben Jahr oder länger überleben, bis die Jungen nachkommen,“ erläutert der Unternberger, „die Sommerbienen hingegen werden nur zirka sechs Wochen alt.“ Kein Wunder, müssen sich die Arbeiterinnen, die zwischen März und Juli erbrütet werden, sowohl um die Brut als auch um den Honig kümmern. Die Winterbienen entstehen aus der Brut im Herbst und ernähren sich von Pollen. Sie fressen sich quasi einen Fett-Eiweißkörper an, um langlebiger zu werden und die Königin sicher über den Winter zu bringen. Der Honig, den die Bienen im Sommer sammeln, dient dem Volk als Wintervorrat. Da der Imker einen Teil des Honigs erntet, muss er die Bienen füttern. „Man kann selbst angerührtes Zuckerwasser oder auch industriell vorgefertigtes Bienenfutter verwenden“, erklärt Hans Fötschl.

Imkerei ist aktives Leben mit der Natur. Eine Ernte ohne eigenen Grund und Boden ist möglich und macht vor allem auch Spaß.

... sagen die passionierten Imker Leonhard Gruber und Hans Fötschl. (im Bild von li.)



Bienenbehausungen

Wie sieht nun eine typische Bienenbehausung aus, in der die Tierchen ihren Lebensalltag verbringen? Die Form des Bienenstockes an sich spielt für die Bienen selbst keine große Rolle – ein neuer Schwarm war schon immer auf Hohlräume in der Natur angewiesen und musste damit zurechtkommen: Etwa einen hohlen Baum, der von einem Specht bearbeitet wurde, machten sich die Bienen zunutze. Diese hohlen Baumstämme wurden oberhalb und unterhalb des Nestes von den ersten Imkern abgeschnitten und nach Hause getragen. Bald wurden Strohkörbe geflochten, um Schwärmen darin eine Wohnmöglichkeit anzubieten – die Geburtsstunde der Imkerei.  „Anders als in den heute gebräuchlichen Bienenkästen gab es aber keine Rähmchen, also bewegliche Waben, in den Körben, daher war die Honigernte sehr schwierig“, so Hans Fötschl. Die Waben wurden einfach herausgeschnitten und ausgepresst oder ausgekocht.

Lange Zeit war im Lungau der „Kärntner Bauernstock“ weit verbreitet. Dieser war allerdings für die Bienenvölker zu klein und deshalb schwärmten die Bienen damals viel mehr als heute, was von den Imkern durchaus gewünscht war. Dieses Schwärmen der Tiere führt dazu, dass sich das Volk, durch eine Teilung, vermehrt. Nur wenige Meter von Hans Fötschls Bienenhütte entfernt entwickelte Anfang des 20. Jahrhunderts der ehemalige Schlossverwalter von Moosham, Hans Müller, seinen eigenen Bienenstock. Der „Müller Stock“ hat den Bauernstock in der Region abgelöst und war neben dem „Lüftenegger Stock“ jenes Modell, das im Lungau bis vor etwa zwanzig Jahre am häufigsten verwendet wurde. Der „Müllerstock“ besteht aus fünfzehn Rähmchen und auf die Waben konnte sowohl von vorne als auch von hinten zugegriffen werden. Aber auch diese Stockgröße war zu klein und wird heute nicht mehr verwendet. Der „Lüftenegger Stock“ findet auch heute noch bei einigen heimischen Imkern Anklang und wird noch des Öfteren verwendet.

Bienenstöcke im Wandel der Zeit: Während der „Lüftenegger Stock“ (links außen) heute noch von einigen Imkern verwendet wird, sind der „Müller Stock“ (Mitte) und der „Kärntner Bauernstock“ (rechts außen) nur mehr selten zu sehen.

 

Hans Fötschl ist in den 1970er-Jahren auf das „steirische Schulmagazin“ umgestiegen, eine Bienenstock-Variante, die innen und außen mit einer zwei Zentimeter dicken Styroporplatte isoliert ist. Seine Bienenbehausungen hat der gelernte Zimmerer alle selbst gebaut: „Die Bienenkästen sind einfache Holzkisten. Auf der Vorderseite lässt man einen Spalt, das sogenannte Flugloch, frei.“ Die Größe des Fluglochs kann je nach Bedarf verkleinert oder erweitert werden. Damit keine fremden Bienen in den Bienenstock gelangen, positionieren sich sogenannte Wächterinnen entweder vor oder direkt hinter dem Flugloch und kontrollieren, wer ein- und ausfliegt. Bringen fremde Bienen allerdings Honig mit, wird ihnen der Zutritt nicht verwehrt.

Vor oder direkt hinter dem Flugloch positionieren sich Wächterinnen, die aufpassen, dass keine fremden Bienen in den Stock eindringen. 

Alles „im grünen Bereich“. Imker Hans Fötschl hat für jedes seiner Völker eine Karteikarte nach Ampelsystem angelegt, um nicht den Überblick zu verlieren.

Ein gutes Honigjahr

Starke Völker können im Sommer theoretisch bis zu 30 Kilogramm Honig sammeln – vorausgesetzt, das Wetter spielt mit. „Es gab schon Jahre, da gab es fast keinen Honig“, erinnert sich Hans Fötschl, der seit mehr als sechzig Jahren Imker ist. Im langjährigen Durchschnitt kann man aber mit zehn bis fünfzehn Kilogramm rechnen. 2018 zum Beispiel war ein sehr schlechtes Honigjahr: „Die Wetterverhältnisse waren eine Katastrophe für die Bienen. Anfangs war es viel zu nass und kalt, dann zu heiß und trocken. Dadurch fielen sowohl die Blütentracht als auch die Wald- bzw. Himbeertracht, also die gesamte Nahrung der Bienen, aus.“ 2019 ist das Wetter etwas „gnädiger“ gewesen, meint der passionierte Imker. „Im Mai hatten wir auch wieder mit der schlechten Witterung zu kämpfen, aber ab Anfang Juni war es sonnig und warm und es gab auch Niederschläge.“ Optimale Bedingungen also für die Waldtracht, denn wenn es zu trocken ist, bildet sich zu wenig Honigtau. Dieser wird von den Bienen aufgesammelt und in den Rähmchen eingelagert. Ein Problem, vor dem der Unternberger heuer stand, war, dass der gesammelte Waldhonig noch vor dem Schleudern kristallisierte. „Der Honig wurde durch die Melezitose, das ist ein Dreifachzucker, in den Waben fest wie Zement und konnte dann nicht geschleudert werden.“

Wenn das Wetter mitspielt und die Melezitose den Imkern keinen Strich durch die Rechnung macht, punkten die Lungauer Imker mit ihren Erzeugnissen bei Prämierungen. Schon der Pionier Hans Müller wurde für seinen Honig ausgezeichnet. In den vergangenen zwanzig Jahren wurden vermehrt Honigprämierungen seitens des Landes und des Bundes veranstaltet, bei denen die Einreichungen aus dem Lungau hervorragend abschnitten: Dass der Honig qualitativ hochwertig ins Glas kommt, dafür ist der Imker zuständig – die Bienen erzeugen beste Qualität und einen sehr guten Geschmack.

 

Nur nicht auffallen

Doch wie gelangt der Bienenzüchter eigentlich zum süßen Produkt seiner Tiere, ohne gestochen zu werden? Und welche Rolle spielen neben Verhalten der Einsatz von bestimmten Gerüchen und die Kleidung? Hans Fötschl trägt auch im Sommer, wenn die Bienen ausfliegen, keine Schutzkleidung. „Die Umgangsweise ist das A und O“, erklärt der Lungauer, „wenn man ruhig arbeitet und auf seine Völker achtet, dann sind sie nicht aggressiv.“ Den Bienenvölkern seines Vaters hätte er sich allerdings nicht ohne Handschuhe und Imkerhut genähert. „Früher waren die Tiere viel aggressiver, richtige Stecher. Es erfolgte keine Auslese durch den Menschen und sie hatten einen guten Verteidigungssinn – dafür aber weniger Honig.“

 

Der passionierte Imker Hans Fötschl trägt auch im Sommer, wenn in seiner Bienenhütte Hochbetrieb herrscht, keine Schutzkleidung.

Ab den 1970er-Jahren wurden die Völker durch entsprechende Züchtung immer sanfter und der Honigertrag höher, berichtet Leonhard Gruber. Der 51-Jährige ist Obmann der Lungauer Imker und seit seinem zwölften Lebensjahr leidenschaftlicher Imker: „Ich bin sozusagen erblich stark vorbelastet. Mein Großvater mütterlicherseits und meine Großmutter väterlicherseits haben sich beide sehr für Bienen interessiert. Sie haben mich mit ihrer Begeisterung angesteckt!“ Berührungsängste kennt auch er nicht. Bevor der gebürtige Unternberger einen Bienenstock öffnet, zündet er ein kleines Stück Holz an.  Durch den Qualm löst er einen Reflex bei den Tieren aus: „Rauch ist Vorbote für Feuer und veranlasst die Bienen dazu, dass sie sich mit Honig vollsaugen. Im Notfall, wenn sie flüchten müssen, dient dieser Proviant quasi als Startkapital für ein neues Nest.“ Bis zu 50 Milligramm Nektar können die Insekten in ihrer Honigblase aufnehmen. Tatsächlich sind die Bienen, als er den Deckel hebt, ziemlich ruhig und krabbeln entspannt auf ihren Waben herum: „Das ist wie bei den Menschen – ein voller Bauch macht friedlich.“ Und dazu kommt noch, dass die satten Bienen in diesem Zustand Schwierigkeiten haben, zu stechen. Um ihren Stachel ansetzen zu können müssen die Tiere nämlich ihren Hinterleib krümmen – und das ist fast unmöglich mit vollem Magen.

Neben dem Einsatz von Rauch kann der Imker auch durch sein Aussehen die Insekten von der Verteidigung ihres Nestes abhalten. Bienen, übrigens auch Wespen und Hummeln, reagieren in der Nähe ihrer Bleibe vor allem auf dunkle Farben instinktiv nervös. Schwarze oder braune Kleidung signalisiert ihnen einen vermeintlichen Honigraub, den es zu verhindern gilt: „Das dicke Fell der Nesträuber, aber auch die Kleidung der Menschen, schützt vor Stichen. Augenlieder, Lippen, Nase und Ohren sind weniger geschützt und bilden daher seit jeher eine Zielscheibe für die Bienen.“ Helle Kleidung lässt die Tiere auch in unmittelbarer Nähre ihres Nestes relativ gelassen, weil an diesen Farben für sie kein natürlicher Feind erkennbar ist. Diesen Vorteil macht sich der Imker mit seinem weißen Schutzanzug zu Nutze.

Genau genommen ist der Honig aber nur ein Beiprodukt der fleißigen Sammlerinnen. Die Bedeutung von Honig und damit auch der Bienen für den Menschen wiederum geht weit über das natürliche Süßungsmittel hinaus.

Mehr als nur Honig

„Nach Rind und Schwein ist die Biene das drittwichtigste Nutztier für die Ernährung des Menschen“, erklärt Leonhard Gruber. Schätzungen der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) zufolge werden 71 der hundert Nutzpflanzenarten, aus denen 90 Prozent der Lebensmittel weltweit gewonnen werden, von Bienen bestäubt.

Bienenvölker arbeiten sehr wirtschaftlich: „Die Insekten fliegen nur aus, wenn die Kundschafterinnen Blütenstaub, Nektar und Wasser gefunden haben.“ Im Lungau gibt es eine flächendeckend gute Versorgung mit Bienen. Damit ist die Bestäubung, die ein Vielfaches des Ertrags gegenüber dem Honig ausmacht, gesichert. In anderen Regionen, etwa in großen Ackerbaugebieten, sieht die Lage weniger rosig aus. Durch oftmaliges Mähen und durch den Einsatz von Gülle und Spritzmitteln werden Blüten und Kräuter vernichtet, die nicht nur für die Bienen, sondern auch für Kühe wichtig sind. „Studien zeigen, dass Artenvielfalt der Pflanzen und Bakterienkultur im Boden zu einer Leistungssteigerung in der Landwirtschaft führen könnten“, so der Gauobmann der Imker weiter.

Im Lungau gibt es nur eine Bienenrasse – die Carnica, die als sanftmütig und winterfest gilt.


Bedeutung der Imkerei im Lungau

Das Interesse für Bienenhaltung ist in den vergangenen Jahren stark angestiegen. Im Lungau gibt es derzeit mehr als zweihundert Imker, diese betreuen rund 2.000 Bienenvölker. Neue Imker werden vom Imkerverein Lungau tatkräftig unterstützt, so der Gauobmann: „Einige Ortsvereine stellen Jungimkern ein eigenes Startvolk zur Verfügung und helfen auch bei allen notwendigen Arbeiten und mit dem notwendigen Wissen.“ Angehende Imker sollten neben handwerklichem Geschick auch Zeit mitbringen. Mit acht bis zehn Stunden pro Bienenvolk und Jahr muss man in etwa rechnen, weiß der Wahl-Göriacher, der als 12-Jähriger auch mit einem Bienenvolk begonnen hatte. Für Interessierte bietet der Bienenlehrpfad in Göriach einen spannenden Einblick in die Welt der Bienen und die Geschichte der Lungauer Imkerei.

Aber Vorsicht, warnt Leonhard Gruber lachend: Wer einmal mit der Imkerei anfängt, den lassen die Bienen nicht mehr los! Während Hans Fötschl von der Effizienz und dem Zusammenhalt des Volkes fasziniert ist, schwärmt er von unvergleichlichen Einblicken in die Natur: „Das Bienenjahr ist eng mit unseren vier Jahreszeiten verbunden. Seit ich Imker bin, nehme ich die Umwelt und die Zeit viel intensiver wahr. Auch beobachtet man viel mehr, Wetter und Naturkreis bestimmen die Landwirtschaft und somit natürlich auch die Imkerei.“

Und immer soll dabei bedacht werden: Die Bienen brauchen den Menschen nicht, der Mensch aber sehr wohl die Bienen.

Text: Lisa Winter

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf eine geschlechtsneutrale Differenzierung verzichtet. Entsprechende Begriffe gelten im Sinne der Gleichbehandlung grundsätzlich für beide Geschlechter. Die verkürzte Sprachform hat nur redaktionelle Gründe und beinhaltet keine Wertung.

Mit der Veränderung von Wirtschaft, Arbeitswelten und Technologien geht „altes Wissen“ bzw. Erfahrungswissen verloren. Die ältere Generation verfügt noch über dieses Wissen, das in Verbindung mit neuen Technologien und Designs aber durchaus Potential für künftige Entwicklungen bietet. Für den Biosphärenpark Lungau als Modellregion für nachhaltige Entwicklung ist die Erhaltung, Sicherung und Dokumentation von altem regionalem Wissen eine wichtige Aufgabe, um so die nachhaltige Entwicklung der Region voranzubringen.