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Traditionelles Weberei-Handwerk – Altes Wissen

Handgewebte Einzelstücke

 Das traditionelle Weberei-Handwerk lebt heute hauptsächlich von hochwertigen Nischenprodukten.

 

Früher alltäglich, heute eine Kostbarkeit: das Bauernleinen. Als Grundstoff für Kleidung wie Blusen, Hemden, Mieder, Röcke, Unterkittel, für Wohnwaren wie Bettzeug, Vorhänge, Tischdecken, Polsterüberzüge, Wandschoner und viele andere Artikel im Haushalt war Leinen unentbehrlich. Im bäuerlichen Jahreskreis war die Herstellung von Bauernleinen fest verankert. Jede Braut erhielt einen Ballen des wertvollen Leinens als Aussteuer, die sie mit in die Ehe brachte.

Die Sauerfelder Kunsthandweberei übernahm 1987 Maria Pirkners Nichte Rosalinde Künstner. Im alteingesessenen Familienbetrieb produzierte sie Bauernleinen und Naturmischgewebe, unzählige Hosenträger, Vorhang- und Möbelstoffe nach traditionellen Mustern ihrer Vorfahren. Die Bauchbinde des Tamsweger Samsons etwa besteht aus Sauerfelder Handwebe!

In der Zeit vor dem Jahr 1900 waren noch Stör-Weber von Bauer zu Bauer unterwegs, um gegen Kost und Logis Bauernleinen herzustellen. Manche Leinenweber hatten ihre zusammenstellbaren Webstühle mit oder es gab einen Webstuhl am Hof. Das feine „Haberne" war beliebt für Unterbekleidung und Bettzeug, das gröbere „Rupferne" wurde unter anderem verarbeitet zu „Goita" (mit Werch gefüllte Steppdecken) oder zu Leinensäcken, die, mit Stroh und Heu befüllt, als Matratzen dienten.

Bild: Ein Leinen-Hemat, das als Unterbekleidung getragen wurde

Flachsanbau und Herstellung von Leinen

Seit jeher bauten die Bauern auf ihren Feldern Flachs an, den Rohstoff für das Bauernleinen. Es waren viele Arbeitsschritte nötig, um von der Flachspflanze zum gewebten Leinen zu kommen: Nach dem Aussähen im Mai musste der Flachs (Lein) gejätet werden, damit die Stängelfaserpflanzen gerade aufgingen und nicht zu viele Verästelungen bildeten. Zirka zwei Wochen nach der Blütezeit (blaue Blüten) bildeten sich die Samenkapseln („Boin"), dann war der Flachs bereit zur Ernte. Dazu wurde die Pflanze mitsamt der Wurzel ausgerauft, damit die Faser durch das Mähen nicht zerstört wurde und in Büscheln am Feld zum Trocknen aufgestellt. Mit dem Riffel, einem Eisenkamm, wurden die Samenkapseln, die die Leinsamen enthielten, von den Stängeln entfernt und gedroschen.

Das Flachsstroh wurde wieder am Feld ausgelegt, um es ein paar Wochen der Witterung auszusetzen. Bei diesem Vorgang, Taurotte oder Tauröste genannt, wurden die Pflanzenstängel durch den Wechsel von Sonne, Tau und Regen spröde und es lösten sich die Pektine, welche die Fasern mit den Holzteilen der Pflanze wie Leim zusammenhielten. Nach dem Einholen und Trocknen wurden mit dem „Brechel" die äußeren Holzteile der Flachsstängel geknickt und die holzigen Teile herausgeklopft. Dieser Vorgang wurde so lange wiederholt, bis man das „Werch" in Händen hielt. Diese noch groben Flachsfasern wurden so lange durch die „Hechel" gezogen und gekämmt bis sie rein und ohne Schalenreste waren. Die gehechelten Faserbüschel drehte man zu „Reisten", die dann auf die Spindel der Spinnräder gesteckt wurden, um Garn zu spinnen.

Die abfallenden Holz- und Schalenteile, „Schäben" genannt, wurden als Einstreu genutzt. Die Leinsamen („Linsat") aus den Samenkapseln wurden zum Kochen oder zu medizinischen Zwecken verwendet sowie zu Leinöl verpresst. Der Pressrückstand, die „Zelten", wurde ans Vieh verfüttert.

Links: „Riffel" zum Separieren der Samenkapseln, rechts: „Brechel" zum Knicken oder Brechen der holzigen Pflanzenteile.

 

„Hechel“ zum Auskämmen des „Werchs".


Das Weben

Das Spinnen war eine typische Winterbeschäftigung der Bäuerinnen, Bauerntöchter und Mägde. Dabei ging es oft recht lustig zu, es wurden Geschichten erzählt oder Lieder gesungen. Wenn der Leinenweber auf Stör kam, wurde der Webstuhl meist in der Stube aufgebaut. Mehrere Leute halfen dann zusammen, denn der Aufbau des Webrahmens und das Aufziehen der Kettfäden war sehr aufwändig – allerdings auch ein Erlebnis, vor allem für die Kinder.

 

Bild: Alter Hand-Webstuhl (ausgestellt im Lungauer Heimatmuseum): Kettbaum mit aufgewickelten Längsfäden sowie eine Leinenwebe mit altem Muster.

 

Ein Webstück oder Gewebe besteht aus Längsfaden (Kettfäden) und Querfäden (Schussfäden), die im rechten Winkel miteinander verwoben sind. Das nennt man auch „Leinwandbindung". Bei einem Flachwebstuhl werden die Kettfäden hinten vom Kettbaum abgewickelt und nach vorne zum Warenbaum transportiert, wo der Weber beim Weben sitzt. In der Mitte des Webstuhls sind zwei Schäfte angeordnet, an denen die Litzen angebracht sind. Eine Litze dient als Fadenführung für die Kettfäden und besteht aus Schnur oder Metall. Jeder Schaft kann durch einen Tritt angehoben und mit ihm die Kettfäden auf und ab bewegt werden. Die Fäden sind abwechselnd in den Litzen an den Schäften angebracht, sodass ein Kettfaden angehoben wird, während der benachbarte Kettfaden gesenkt wird. Dadurch wird die Kette in ihrer Gesamtheit gespreizt und bildet ein Fach, durch das der Weber mit dem „Schiffchen“ den Schussfaden eintragen kann. Zwischen den Schäften und dem Warenbaum befindet sich noch das „Weberblatt“ (auch Lade oder Riet genannt). Mit diesem wird der Schussfaden an das bereits gewebte Teilstück angedrückt und zu einem gleichmäßigen Gewebe gepresst. Wenn bei Kette und Schuss jeweils die naturfarbenen Leinengarne eingesetzt werden, entsteht das typische Bauernleinen. Mischgewebe erhält man, wenn Kette und Schuss aus unterschiedlichen Materialien bestehen, zum Beispiel aus Baumwolle und Leinen oder aus Hanf und Wolle.

Der Webstuhl mit zwei Schäften ist die einfachste Variante für regelmäßige Gewebe in Leinwandbindung. Streifenmuster entstehen, indem man in regelmäßigen Abständen verschiedenfarbige Schussfäden mit dem Schiffchen einschießt. Karomuster entstehen, indem man in regelmäßigem Abstand farbige Kettfäden aufzieht. Durch den Einsatz mehrerer Tritte können individuelle Muster gesetzt werden. Dies ist allerdings beim Aufziehen der Kettfäden durch die Litzen und Schäfte schon eine enorme Herausforderung und auch die große Kunst bei diesem Handwerk.

 

Bild: Kunstvolle Handwebe mit alten, traditionellen Mustern.


Handweberei im Lungau

 

Handweberei Pirkner in Sauerfeld

Durch die Einführung mechanischer Webstühle und den Siegeszug der Baumwolle im 19. Jahrhundert verlor die Leinenweberei allmählich ihren Stellenwert. Es haben sich nur vereinzelt Leinenweber und Hand-Webereien erhalten. Ein solcher Betrieb ist die Handweberei Pirkner in Sauerfeld. Sebastian Pirkner übernahm die Weberei 1919 von seinem Vater Johann, der als Störweber im Lungau von Hof zu Hof zog und entwickelte sie zur Kunstweberei weiter. Mit einem Aufschwung in den 1950er Jahren, wo Handwebe wieder an Bedeutung gewann, hat Tochter Maria Pirkner die Weberei mit fünf Webstühlen weitergeführt. In den Achtzigerjahren erhielten manche Handwebereien zudem Auftrieb, da mit der Ökologie-Bewegung die Nachfrage nach Leinen und handgewebten Stoffen erneut anstieg.

Die Sauerfelder Kunsthandweberei übernahm 1987 Maria Pirkners Nichte Rosalinde Künstner. Im alteingesessenen Familienbetrieb produzierte sie Bauernleinen und Naturmischgewebe, unzählige Hosenträger, Vorhang- und Möbelstoffe nach traditionellen Mustern ihrer Vorfahren. Die Bauchbinde des Tamsweger Samsons etwa besteht aus Sauerfelder Handwebe! Urenkel von Sebastian Pirkner sind gegenwärtig dabei, das alte Handwerk zu erlernen um in dessen Kunsthandweber-Fußstapfen zu treten und den Familienbetrieb aufrecht zu erhalten.

 

Ingrid Korbuly aus Thomatal

In den 1980er Jahren entdeckte auch Ingrid Korbuly aus Thomatal ihre Leidenschaft zur Handweberei. Sie webte als Mitarbeiterin von Meisterin Maria Pirkner die bekannten Vorhänge, Teppiche und Möbelstoffe1986 machte sie sich selbstständig, richtete sich in ihrem Heimatort ein Geschäft ein und spezialisierte sich auf das Weben von Kleiderstoffen. Bei Kunsthandwerksmärkten oder beim Schauweben im Salzburger Freilichtmuseum führte Ingrid geduldig die alte Handwerkskunst vor. Aus wirtschaftlichen und gesundheitlichen Gründen hat sie das Weben 2007 allerdings aufgegeben. In ihrer 21-jährigen Weberei-Tätigkeit stellte sie neben den Kleiderstoffen auch Möbelstoffe, Decken, Webbilder und Teppiche her und schuf somit unzählige handgewebte Einzelstücke.

 

Bild: Die gelernte Handweberin bei der Arbeit an einem ihrer Webstühle.

 

Rund 1.200 Kettfäden sind nötig für eine Stoffbreite von 90 bis 95 Zentimeter, das Einrichten des Webstuhls dauert hier immerhin schon vier Stunden. Die Kettfäden zog die Handweberin aus Baumwollgarn in braun oder grau auf, für den Schuss verwendete sie bunte Wolle oder Leinen. Das farbige Leinen bezog sie aus Schweden, die Wolle erhielt sie direkt von Lungauer Schafbauern, die sie selbst einfärbte, oder von den Firmen Ferner Wolle und Huber Wolle.

Individuelle Muster erhielt die erfahrene Weberin, die ihre Meisterprüfung 1993 absolvierte, durch das zusätzliche Einrichten der Schäfte und Tritte. Sie richtete in der Mitte zwei Tritte für die Leinwandbindung ein, rechts und links dazu die Mustertritte. Dabei arbeitete sie oft mit bis zu 16 Tritten. Das Einrichten des Webstuhls konnte hier sogar mehrere Tage in Anspruch nehmen. Ingrid Korbuly arbeitete zumeist an fünf verschiedenen Webstühlen gleichzeitig. Der Vorteil lag darin, dass sie die einzelnen Webstühle mit dem Kettfaden-Material für die unterschiedlichen Gewebearten einrichten konnte. Für feinere Gewebe wie Vorhänge, Möbel- oder Kleiderstoffe verwendete sie meist eine Baumwoll-Kette. Für Teppiche war eine Kette aus stabiler Hanffaser vonnöten.

Damit sich der Kunde einen besseren Eindruck machen konnte, hatte die Weberin immer ein paar Proben und Muster zur Ansicht parat oder sie kreierte ein Fleckerl zum Probieren. Bei den Farbvariationen gab es unzählige Möglichkeiten, die sie gerne ausschöpfte. Bei den Mustern waren kleinere Variationen möglich, die sie nach der Trittfolge der eingestellten Mustertritte ausrichten konnte. Und das ist das besondere Geheimnis der handgewebten Einzelstücke: Jedes Stück war genau auf die Bedürfnisse und Vorlieben des Kunden zugeschnitten.

 

Kunstvoll gewebte Kleider- und Möbelstoffe:

Durch die Industrialisierung und den Einsatz hochtechnischer, mittlerweile elektronischer und computergesteuerter Webmaschinen ist dieses Handwerk fast verdrängt worden. Ein paar traditionelle Hand-Webereien in Salzburg bzw. in ganz Österreich können das selten gewordene Gewerbe nur noch durch die Produktion hochwertiger Nischenprodukte aufrechterhalten. Zum Glück gibt es noch Kunden, die das Einzigartige und Besondere suchen, auch wenn es ein wenig mehr kostet. Der ideelle Wert ist sowieso unbezahlbar.

 

Sollte also noch jemand ein Stück Bauernleinen in einem alten Kasten finden, möge er dieses in Ehren halten! Als Tischdecke, Polsterbezug oder Vorhang verarbeitet, kann man sein Zuhause damit aufwerten. Bauernleinen ist zeitlos und bescheiden, es drängt sich nicht auf und passt daher auch gut in ein modernes Ambiente!

Artikel: Hemma Santner-Moser

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf eine geschlechtsneutrale Differenzierung verzichtet. Entsprechende Begriffe gelten im Sinne der Gleichbehandlung grundsätzlich für beide Geschlechter. Die verkürzte Sprachform hat nur redaktionelle Gründe und beinhaltet keine Wertung.

Mit der Veränderung von Wirtschaft, Arbeitswelten und Technologien geht „altes Wissen“ bzw. Erfahrungswissen verloren. Die ältere Generation verfügt noch über dieses Wissen, das in Verbindung mit neuen Technologien und Designs aber durchaus Potential für künftige Entwicklungen bietet. Für den Biosphärenpark Lungau als Modellregion für nachhaltige Entwicklung ist die Erhaltung, Sicherung und Dokumentation von altem regionalem Wissen eine wichtige Aufgabe, um so die nachhaltige Entwicklung der Region voranzubringen.