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Wagnerei Lassacher | Altes Wissen

Einer der letzten seiner Art:

Ein Werkstattbesuch bei Wagner Christian Lassacher

Vorsichtig öffnet Christian Lassacher, der jüngste Wagner Österreichs, die Dampfanlage. Ein süßlicher Duft von Marzipan breitet sich aus und weckt die Vorfreude auf Adventmärkte und gebrannte Mandeln. Der 37-jährige Tamsweger führt die Wagnerei Lassacher in vierter Generation. Schon als kleiner Junge interessierte er sich sehr für den Werkstoff Holz und half seinem Vater oft in der Werkstatt. „Wenn irgendwo ein Baum gefällt wurde, dann habe ich mir das gerne genauer angesehen. Zum Beispiel welche Farbe der Baumstamm hat“, erinnert er sich. Mit 12 Jahren bekam Christian Lassacher seine eigene Drechselbank und begann zu experimentieren. „Für meine Oma habe ich mal ein Spinnrad gefertigt.“

In den 1920er Jahrer legte mein Urgroßvater, Leonhard Lassacher, den Grundstein für die Wagnerei. Damals wurden vor allem landwirtschaftliche Geräte aus Holz, wie Heuwagen oder auch Kutschen, angefertigt und repariert. Das Holzbiegen stellt auch heute noch den Kern der Arbeit eines Wagners dar.

Christian Lassacher


Ein Tamsweger Traditionsbetrieb

Der Urgroßvater von Christian Lassacher hat beispielsweise für den Bau der Straße ins Blühnbachtal Scheibtruhenräder angefertigt. Die Methode des Holzbiegens an sich hat sich über die Jahre nicht verändert. Der Unterschied besteht nur darin, dass jetzt anstatt der Handkraft Maschinen zum Einsatz kommen. „Bei meinem Großvater in der Werkstatt mussten beim Biegen drei Männer gemeinsam anpacken, heute schafft das eine Fachkraft“, so Christian Lassacher, der seine Biegevorrichtung speziell nach seinen Vorstellungen und Bedürfnissen in Deutschland bauen ließ. Im Winter, wenn die Temperaturen unter den Gefrierpunkt fallen, läuft die Biegemaschine für die Schlittenproduktion auf Hochtouren. „Ich schwitze bei der Arbeit fast so wie in der Sauna“, lacht der Tamsweger, „im Sommer wäre das unerträglich.“

Das Holz ist beim Biegen starkem Druck ausgesetzt und muss zuvor mit Dampf auf etwa 100 Grad erhitzt werden, damit es den Kräften, die wirken, standhält. Dabei muss Christian Lassacher zügig arbeiten, denn das Holz darf weder zu trocken, noch zu nass sein: „Drei bis vier Minuten habe ich Zeit, um das Holz zu biegen. Wenn ich zu langsam bin, wird es rissig und bricht“.

Ein Blick in die Vergangenheit. Christian Lassacher führt die Wagnerei in Tamsweg in vierter Generation. Das Bild zeigt seine Urgroßeltern mit Sohn Leonhard (Mitte rechts) sowie Mitarbeitern und Ziehschlitten für das Heubringen.


Handgefertigte Lassacher-Schlitten

Fachkundig spannt Christian Lassacher das Eschenholzbrett in seine Biegemaschine ein und bringt es langsam in die Form einer Schlittenkufe. Aber nicht jede Holzart lässt sich so ohne weiteres in eine andere Form bringen: „Laubholz kann gut gebogen werden. Das Holz, das sich am besten eignet, liefert aber sicher die Esche.“ Und die Esche ist es auch, deren Holz im erhitzten Zustand nach Marzipan duftet. Nachdem er das Brett in die gewünschte Form gepresst hat, heißt es erst einmal abwarten. Das Brett muss abkühlen und wieder hart werden. Dafür bleibt es mindestens einen Tag in der Presse und braucht nach dem Ausspannen noch weitere ein bis zwei Monate zum Trocknen. Im April oder Mai, wenn die Bretter trocken sind, halbiert der Fachmann mit einer Kreissäge die Kufen. „Für das Fahrverhalten eines Schlittens ist es wichtig, dass die Kufen von einem einzigen Holzbrett kommen. Sie müssen absolut parallel sein, sonst zieht der Schlitten in eine Richtung.“

 

„Die Schlittenkufen müssen von einem einzigen Holzbrett kommen“, erklärt Wagner Christian Lassacher, „sonst zieht der Schlitten in eine Richtung.“

 

Als der 37-Jährige das Wagnerhandwerk erlernte, wurden in der Wagnerei seines Vaters keine Schlitten und Skier mehr erzeugt. Als Christian den Familienbetrieb im Jahr 2007 übernahm, hat er das Handwerk wiederaufleben lassen. Die Fertigkeit eignete er sich selbst an: „Ich konnte mich an alten Plänen über den Schlittenbau, die wir im Betrieb aufbewahrt haben, orientieren. Aber ich musste schon so um die sechzig bis siebzig Prototypen bauen, bis es funktionierte“, erklärt der Wagner. Heute fertigt Christian Lassacher jedes Jahr etwa siebzig Schlitten an: „Mehr geht sich fast nicht aus.“ Zwar gilt Christians besondere Leidenschaft dem Schlittenbau, aber es gibt noch viele andere handgefertigte Erzeugnisse aus dem Hause Lassacher.


Hobeln, schnitzen, drechseln

Eine CNC-Fräse, eine computergesteuerte Maschine, sucht man in der Werkstatt von Christian Lassacher übrigens vergeblich. Der 37-Jährige setzt auf handwerkliches Geschick und Tradition: „Wir achten bei der Ausführung jedes einzelnen Werkstücks auf Qualität und Handarbeit. Das dauert zwar länger, aber es macht Spaß.“

Neben Haushaltsartikeln wie Duftlampen oder Brotdosen aus Zirbe fertig er mit seinen Mitarbeitern auch Holzspielzeug, etwa Schaukelpferde, an.

Am Beruf des Wagners schätzt der Tamsweger, dass man handwerklich noch gefordert wird und die Kreativität ausleben kann: „Als Bastler will man nicht einfach Möbel zusammenbauen, sondern etwas Eigenes schaffen. Mein Großvater hat in unserer Werkstatt noch Heuwagen und Kutschen gebaut – es ist auch ein Traum von mir, eine Kutsche zu bauen.“

Alte Pläne dafür gibt es noch im Betrieb, allerdings kostet eine Kutsche fast so viel wie ein Auto: „Das Kutschenbauen ist eine komplexe Arbeit. Es gibt viele Details zu beachten und man muss mit einem Schmied und einem Sattler zusammenarbeiten.“ Obwohl der Bau ein bis zwei Jahre dauern würde, reizt Christian Lassacher die Vorstellung: „Allein das Rad machen ist hier eine interessante Sache. Wenn man eine Kutsche pflegt und sachgemäß gebraucht, dann gibt es nicht viel zum Reparieren.“

 

Das Wagner Handwerk

Die Qualität der Lassacher-Holzwaren hängt stark von der Beschaffenheit des Materials ab. Das Wachstum eines Baumes zum Beispiel hat großen Einfluss auf die Biegsamkeit: „Das Holz von schnellgewachsenen Bäumen ist einerseits stabiler und lässt sich andererseits leichter biegen.“ Die Edelhölzer, die in der Werkstatt in Tamsweg verarbeitet werden, kommen aus dem Dreiländereck Salzburg-Kärnten-Steiermark. Dabei wird nichts dem Zufall überlassen, Christian Lassacher ist selbst vor Ort, wenn das Holz im Sägewerk geschnitten wird: „So kann ich beurteilen, welches Holz wie gebraucht wird, ob es für den Schlittenbau zugeschnitten werden soll oder es eher für Werkzeugstiele taugt.“

Das Handwerk des Wagners erlernte Christian Lassacher – als einer der letzten drei in Österreich – an der Tischlerschule in Kremsmünster. „Wir hatten einen pensionierten Lehrer, der hat das ehrenamtlich gemacht und uns drei Jahre nur Räder machen lassen. Von Rädern für Scheibtruhen und Kutschen bis hin zu Heuwagen haben wir alles gebaut.“

Heute ist Wagner ein freier Beruf und gelernte Tischler können zusätzlich die Wagnerprüfung ablegen. In seiner Werkstatt bildet Christian auch selbst Lehrlinge aus: „Mein jetziger Lehrling wird mir den Rang als letzter Wagnerlehrling Österreichs ablaufen“, erklärt er lachend.

 

Über Adventmärkte und den „Preberschi“

Früher gab es im Lungau viele Wagner, allein in Tamsweg waren es zwei bis drei, erzählt Christian Lassacher. Heute ist er einer der letzten seines Standes und, wie schon sein Vater und Großvater vor ihm, nimmt auch er Aufträge an, die keine typische Wagnerarbeit darstellen, um wirtschaftlich zu überleben.

Besonders Wintersportgeräte haben eine lange Tradition im Hause Lassacher: „Mein Großvater hat mit dem ‚Preberschi‘ begonnen und die Schierzeugung war dann bis in die 1970er Jahre das Hauptgeschäft meines Vaters.“ Das Holzbiegen als Kernarbeit der Wagner hatte sich damals für einige Zeit aufgehört, stattdessen wurden in Handarbeit Schi für den Lungau erzeugt. Die Nachfrage war so groß, dass auch die Frauen der Familie bei der Schierzeugung mithalfen: „Die Frauen waren fürs Kantenschrauben zuständig. In ein Paar Schi mussten 200 Stück Schrauben“, weiß der Tamsweger von seinen Eltern. Der Markt brach allerdings in den 1970er Jahren ein und sein Vater begann, mit Schiern zu handeln, um so den Betrieb zu erhalten.

Im Advent ist Christian Lassacher gerne auf Weihnachtsmärkten unterwegs. Kein Wunder, liegt ihm doch seit dem Frühjahr der Marzipanduft in der Nase. Neben Geschenkartikeln aus Holz bietet Christian dort auch seine Schlitten zum Verkauf an. Fürs Geschäft förderlich sind die hochwertigen Lassacher-Schlitten allerdings nicht. „Die halten ein Leben lang“, erklärt der Wagner lachend. Nur einmal musste er einen Schlitten reparieren, aber der wurde versehentlich von einem Auto kaputt gefahren.

Text: Lisa Winter

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf eine geschlechtsneutrale Differenzierung verzichtet. Entsprechende Begriffe gelten im Sinne der Gleichbehandlung grundsätzlich für beide Geschlechter. Die verkürzte Sprachform hat nur redaktionelle Gründe und beinhaltet keine Wertung.

Mit der Veränderung von Wirtschaft, Arbeitswelten und Technologien geht „altes Wissen“ bzw. Erfahrungswissen verloren. Die ältere Generation verfügt noch über dieses Wissen, das in Verbindung mit neuen Technologien und Designs aber durchaus Potential für künftige Entwicklungen bietet. Für den Biosphärenpark Lungau als Modellregion für nachhaltige Entwicklung ist die Erhaltung, Sicherung und Dokumentation von altem regionalem Wissen eine wichtige Aufgabe, um so die nachhaltige Entwicklung der Region voranzubringen.