Altes WissenBildung & ForschungBiosphärenparkLand | WirtschaftNatur | RaumNEWS

Nachhaltige Almwirtschaft | Altes Wissen

Wolfgang Kocher über nachhaltige Almwirtschaft und den Einfluss des Wetters

Konzentriert blickt Wolfgang Kocher in den klaren, hellblauen Himmel. Vereinzelt sind weiße Wölkchen zu sehen. Für seine Wettervorhersage wirft Wolfgang noch einen kurzen Blick auf das Barometer. Je nachdem, ob der Luftdruck langsam oder schnell fällt, ist in den nächsten Tagen mit Niederschlägen zu rechnen.

An einem sonnigen Tag wie heute, bei leicht feuchter Luft, bilden sich oft Schönwetterwolken diese sogenannten Cumuluswolken enthalten aber nur wenig Wasser. Da kommt noch lange kein Regen! Wenn die Luft schwül und dampfig ist, dann ist das ein Zeichen für ein Gewitter.

 

Wolfgang Kocher
38-jährige Almbauer, Hüttenwirt und Wetterfuchs

Tatsächlich hält das Wetter, was Wolfgang verspricht, und erst zwei schwüle Sommertage später schiebt sich eine dunkle Wolkenfront über den Himmel. Sein Wetterwissen, das auf dem überlieferten Wissen seiner Großeltern und anderer Almleute sowie auf eigenen Erfahrungen beruht, nutzt er zum Beispiel bei der Arbeit mit seinen Milchkühen auf der Twenger Alm im Gebiet Obertauern: „Beim Zäunen ist es wichtig zu wissen, ob es im Laufe des Tages regnen wird. Denn dann zäunt man für die Tiere auch einen Unterstand mit ein.“

Almwirt und Wetterfuchs Wolfgang Kocher beobachtet die Cumuluswolken über dem Weißeneck.

 

Die alte Wetterweisheit trifft zu: „So wie der Nebel in der Früh ins Tal hineinzieht, kommt er am Abend als Regen heraus.“

 


 

 

Dipl.-Ing. Wolfgang Kocher, der hauptberuflich Lehrer an der Landwirtschaftlichen Fachschule in Tamsweg ist, bewirtschaftet seit 2011 die auf 1.900 Metern gelegene Almhütte seiner Familie. Temperaturstürze von 24 Grad innerhalb eines Tages seien keine Seltenheit und kämen alle paar Jahre vor, berichtet er. In den vergangenen Jahren hat der Hüttenwirt miterlebt, dass es weniger stabile Wetterperioden gab und die Wetterextreme zugenommen haben: „Heuer war der Mai sehr kalt und aufgrund der Schneemassen konnten wir unseren Almbetrieb erst zweieinhalb Wochen später starten als noch in den Jahren davor.“

 

Wie im Mittelalter aus dem Fenster schauen

Der Almbauer hat das Gefühl, dass viele Menschen heutzutage nicht mehr richtig beobachten können und sich mangels eigenem Wetterwissen einfach auf Wetter-Apps verlassen. Aber „aus dem Fenster zu blicken, um zu sehen wie das Wetter ist (oder wird)“, ist heutzutage scheinbar schon mittelalterlich. Stattdessen wird lieber zum Handy gegriffen. „Wir haben verlernt, hundertprozentige Luftdruckanzeiger bzw. Wetterzeichen, wie etwa die Silberdistel, Wolkenbilder oder Windströmungen, zu lesen.“ Dabei seien Wetterprognosen, die über den Folgetag hinausgehen, relativ ungenau. Vor allem das regionale Wetter werde in den Vorhersagen wenig berücksichtigt, glaubt Wolfgang.

Es genügt also oft schon ein kurzer Blick in die Pflanzenwelt, um zu wissen, ob mit Niederschlägen zu rechnen ist. Die Silberdistel beispielsweise wird im Volksmund nicht ohne Grund Wetterdistel genannt. Sie weist zuverlässig auf bevorstehenden Regen hin: „Die Silberdistel ist eine Zeigerpflanze, die bei Feuchtigkeit ihre weißen Hüllblätter schließt, um ihren Blütenkopf zu schützen“, erklärt Wolfgang. Der Blütenboden der Silberdistel ist übrigens essbar und schmeckt ähnlich wie Artischocken.

 

Almen damals und heute

Ohne Almpflegemaßnahmen würden Verbuschung und Verwaldung in den Bergen überhandnehmen und viele Pflanzen, wie etwa die Silberdistel, hätten keinen geeigneten Lebensraum mehr.

Ab den 1960er Jahren setzte ein Wandel in der Nutzung von Almen ein und die Bewirtschaftung von Almflächen in Österreich ging stark zurück. Erst in den 1980er Jahren gewannen die Almen, vor allem als touristische Ziele, wieder mehr an Bedeutung.

Die Twenger Alm ist seit den 1730er Jahren im Besitz der Familie Kocher-Rigele aus Tweng. Während die Elterngeneration und gleichfalls schon Generationen davor die Alm als Stall für Jungvieh und Mutterkühe nutzte, gefiel dem Sohn der Bauernfamilie die Idee der touristischen Nutzung der Hütte. Nach seinem Landwirtschaftsstudium an der Universität für Bodenkultur in Wien wagte Wolfgang also den Schritt in die Almwirtschaft: „Unsere Almhütte liegt an einem stark frequentierten Wanderweg. Aus diesem Grund haben wir uns dann getraut, die Alm traditionell mit Milchkühen zu bewirtschaften.“

 

Die Twenger Alm wurde im Jahr 2010 erbaut, moderne Photovoltaikanlage und Milchverarbeitungsraum inklusive. Die Qualität der Weideflächen war damals aber alles andere als ideal, erzählt der diplomierte Landwirt: „Wir haben das Ganze langsam aufgebaut. Mit sieben bis acht Kühen haben wir begonnen, weil die Weidefläche nicht mehr hergegeben hat. Einige Almwiesen waren bereits zugewachsen.“ Wolfgang betreibt gezielte intensive Koppelwirtschaft. Das bedeutet, dass Einzäunungen regelmäßig umgesetzt werden. Mittlerweile sind im Sommer 13 Milchkühe auf der Twenger Alm. Die Milch wird dort direkt zu Schnitt-, Topfen- und Frischkäse sowie Butter verarbeitet.

Für die schwer zu bewirtschaftenden Flächen werden außerdem Tauernschecken-Ziegen eingesetzt, um diese Areale freizuhalten und vor Verunkrautung und Verbuschung zu schützen. „Die Beweidung mit Ziegen ist wieder ‚in‘ geworden. Früher gab es keine Maschinen, nur Beweidung mit verschiedenen Tierarten. Gerade im almwirtschaftlichen Bereich besinnen sich die Leute wieder darauf zurück“, erklärt Wolfgang.

 

Das Säubern seiner Almflächen von Unkraut, Stauden und Bäumchen, das sogenannten „Schwenden“, wird nur im kleinen Maß oder mit einem Freischneider gemacht. Im Herbst, wenn die Kühe im Tal sind, hat Wolfgang auch ein paar Pferde auf der Alm. Durch diese Maßnahmen hat sich der Pflanzenbestand auf seiner Alm positiv verändert, erklärt er, und die Weideflächen sind nun viel dichter. „Wir machen es so, wie die Menschen es früher auch gemacht haben: So wie die Natur hereindrängt, drängen wir zurück.“

 

 

Brandrodung

Eine andere Methode für die Rückgewinnung und Regeneration von Weideflächen, die das Interesse des jungen Almbauern Wolfgang Kocher geweckt hat, ist die Brandrodung. Der Sinn von Brandrodung besteht im geringen Aufwand und in der Schaffung einer guten Weidefläche innerhalb kurzer Zeit, erklärt er: „Bei der Brandrodung habe ich keinen maschinellen Aufwand und bekomme innerhalb von zwei Jahren eine tolle Weidefläche.“ Im Spätherbst, außerhalb der Vegetationszeit, wenn der Boden gefroren war, wurden früher gezielt Flächen angezündet. Bis in die 1960er und 1970er Jahre hinein wurden zum Beispiel bei Almrauschflächen und Latschenfelder bzw. Zwergstrauchhaine abgebrannt. Aufgrund der Luftwerte ist Brandrodung heutzutage nicht mehr gestattet, obwohl es gute Argumente gäbe, diese Methode auszuprobieren: „Neben der Verbesserung der Futterqualität kann auch die Alpungsperiode um ein bis zwei Wochen verlängert werden“, berichtet Wolfgang und verweist auf ein Pilotprojekt in Kärnten, das die positive Veränderung der PH-Werte des Bodens nach Brandrodung nachweisen konnte.

 

Neben der Brandrodung spielte einst auch das Mähen der Almwiesen, die Mahd, eine wichtige Rolle in der Almwirtschaft. Während auf den Flächen im Tal Kartoffeln gesät wurden und Getreide angebaut wurde, dienten die steilen Hänge im Gebirge, die sogenannten Bergmähder, den Bauern als Futter für das Vieh im Winter. „In Zederhaus und in Muhr gibt es Bergmähder, die auch heute noch gemäht werden.“

 

Die Bergmahd 

Matthias Moser, Landwirt, Bergbauer und Schnapsbrenner aus Zederhaus, unterstreicht die große Bedeutung, die die Almregion durch die Nutzung der Bergmahdflächen für die heimischen Bauern hatte. Im Sommer 1939 wurden im oberen Lungau, in den Gebieten St. Michael, Zederhaus und Muhr, rund 400.000 kg Heu von den Almen zu den Heimathöfen geliefert. Die Bergmahd führte zu einer regelrechten Bevölkerungsverschiebung. Im oberen Lungau waren im Jahr 1939 mehr als 400 Personen in die Bergmahd involviert - das Almpersonal, das auch soweit als möglich bei der Heugewinnung mithalf, nicht eingerechnet. Im Jahr 1939 beispielsweise arbeiteten in Zederhaus 63 Arbeiter mit der Hilfe von 260 Personen und 102 Almleuten an der Gewinnung von Bergheu. Das waren immerhin 38 Prozent der Gesamtbevölkerung!

Matthias Moser erinnert sich noch gut daran, wie er gemeinsam mit seinem Vater im Kathäussen-Almgebiet in Zederhaus bis auf weit über 2.000 Meter Seehöhe das Heu einbrachte: „Die Bergmahd war ein mühseliges Unterfangen – und auch gefährlich. Im Sommer waren wir oft sechs Wochen lang am Berg oben.“ Ein mit Brettern überdachter Bau diente als Schlafstätte: „Dort hausten wir zu viert auf zirka acht Quadratmetern“, erzählt der Zederhauser. Während die Männer mit der Sense mähten, streuten die Frauen das Heu an, um es zu trocknen, indem sie mit Rechen die Schwaden verteilten. Am darauffolgenden Tag wurde geheut. „In flacheren Gebieten wurde das Heu gleich in ‚Schupfen‘ eingebracht“, berichtet Matthias Moser, „am Berg oben wurden sogenannte Schober zusammengezogen und die Tristen dann im Winter bei passender Schneelage ins Tal gezogen.“ Auf Ästen wurden auf diese Weise zwischen 200 und 300 Kilogramm Heu ins Tal befördert.

 

 

„Bis vor etwa dreißig Jahren haben wir das noch so gemacht. Heute wird maschinell gemäht und das Heu mit dem Traktor vom Berg gebracht.“ Das Bergheu ist durchsetzt mit vielen würzigen Almkräutern und Klee. Es ist reicher an Nährstoffen und leichter verdaulich als das Talheu. Im Winter wird das Heu an das Rehwild verfüttert: „Das Heu ist so gut, mit dem kann man sogar kochen“, erklärt Matthias, der auch passionierter Jäger ist, schmunzelnd.

Eine nachhaltige Almwirtschaft hat neben einem ökologischen Nutzen auch einen ästhetischen Effekt. Durch die Beweidung und die Mahd kann die Landschaft erhalten werden – und die Wanderer können weiterhin die schöne Aussicht auf den Almen genießen! (Lisa Winter)

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf eine geschlechtsneutrale Differenzierung verzichtet. Entsprechende Begriffe gelten im Sinne der Gleichbehandlung grundsätzlich für beide Geschlechter. Die verkürzte Sprachform hat nur redaktionelle Gründe und beinhaltet keine Wertung.

Mit der Veränderung von Wirtschaft, Arbeitswelten und Technologien geht „altes Wissen“ bzw. Erfahrungswissen verloren. Die ältere Generation verfügt noch über dieses Wissen, das in Verbindung mit neuen Technologien und Designs aber durchaus Potential für künftige Entwicklungen bietet. Für den Biosphärenpark Lungau als Modellregion für nachhaltige Entwicklung ist die Erhaltung, Sicherung und Dokumentation von altem regionalem Wissen eine wichtige Aufgabe, um so die nachhaltige Entwicklung der Region voranzubringen.