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Lungauer Heimatmuseum | Altes Wissen

Tradition und Brauchtum im Heimatmuseum:

So bewahrt und vermittelt Familie Heitzmann die Zeugnisse unserer Volkskultur

 

Viele Geräte oder Werkzeuge von früher kennt man vielleicht noch, hat sie sogar in einem alten Schuppen oder im Keller bei sich zu Hause. Bei der Arbeit auf vielen Bauernhöfen werden die alten Arbeitsgeräte auch noch benutzt – eben weil sie gut funktionieren und schlichtweg praktisch sind. Manches Stück, das seinen ursprünglichen Zweck schon erfüllt hat, erhält wiederum noch einen gebührenden Platz und dient so als besondere Dekoration. Genaugenommen ist es aber noch gar nicht so lange her, dass Spinnrad, Waschrumpel und Co. wertvolle Dienste geleistet haben. Aber in der heutigen modernen Zeit gibt es kaum eine Hausarbeit, die nicht durch ein Elektrogerät geschafft oder gar abgeschafft wird.

Einen spannenden Einblick in unsere eigene Geschichte sowie in das mühevolle Leben und Arbeiten vergangener Generationen gibt das Lungauer Heimatmuseum in Tamsweg.  Es zeigt alte Geräte und Werkzeuge, ehemaliges Handwerk und Baukunst sowie die Entstehung von Lungauer Bräuchen und Traditionen.

Entstehung des Heimatmuseums

In den 1960er-Jahren wurde auch der Lungau von einer Modernisierungswelle erfasst. Viele landwirtschaftliche Betriebe fingen an sich neu einzurichten, wollten sich von alten Stücken und Gerätschaften trennen oder einfach „ausmisten“. Manches Gehöft, mit seinen traditionellen Arbeitsmethoden, erschien nicht mehr zeitgemäß, daher wurden alte Möbelstücke oder Arbeitsgeräte billig an fahrende Händler abgegeben. Auch wurde nicht mehr benötigtes und reparaturfälliges Gerät einfach auf den Müll gebracht.

Die Gründer des Heimatmuseums, darunter Oberforstinspektor Hofrat DI Arno Watteck,  Sprengelarzt DDr. Walter Fink und Bezirkstierarzt Dr. Alfred Dorn, die durch ihre Arbeit auch zu entlegenen Höfen kamen, haben schon damals erkannt, dass die alten Kästen, Truhen und Geräte kulturhistorische Schätze darstellen. Sie konnten ausrangierte Arbeitsgeräte, Hausrat und Kleinkram von den Gehöften erstehen, zusammentragen und schließlich im ehemaligen Bürgerspital St. Barbara, das die Marktgemeinde Tamsweg dem neu gebildeten Museumsverein zur Errichtung des „Bezirksmuseums" zur Verfügung stellte, sammeln und ausstellen.

SR Anton Heitzmann, der zusammen mit seiner Frau Josefine seit über 25 Jahren ehrenamtlich als Museumskustos im Heimatmuseum tätig ist, erklärt, dass das St. Barbara-Spital mit Kapelle (deren Einweihung geht auf das Jahr 1494 zurück) ursprünglich zur Unterbringung und Versorgung alter, bedürftiger Menschen diente. Diese sogenannten "Pfründner" wurden erst von der Kirche versorgt, im 19. Jahrhundert übernahm diese Aufgabe die Gemeinde Tamsweg. Als im Jahr 1962 das neue Altenheim in der Bahnhofstraße eröffnet wurde, verlor das Bürgerspital zwar seine eigentliche Funktion, konnte allerdings als Museum umfunktioniert und der Nachwelt erhalten bleiben.

 


Rundgang durch das Museum

 

Viel Einrichtungsgegenstände von damals verblieben im Haus und können seither mit den immer wieder neu beigefügten Ausstellungsstücken – ähnlich wie in einem Freilichtmuseum – das Leben von früher originalgetreu und eindrucksvoll veranschaulichen.

Anton Heitzmann zeigt auf einem Rundgang durch das Museum unter anderem die alte Küche mit offenem Herd samt "Kesselreit" zum Erhitzen für Käse- oder Wasserkessel und das "Feuerrössel", über das man die Pfannen stellte. Die Stange an der "Kesselreit" hat Einkerbungen, in die man den Kessel einhängen konnte, und je mehr Hitze benötigt wurde, umso weiter schob man den Henkel hinauf. Daraus entstand übrigens die Redewendung: "Einen Zahn zulegen."

Bild: Anton Heitzmann am offenen Herd, wo er an der "Kesselreit" einen Zahn zulegt.

 

Im Gegensatz dazu kennt man den Ausdruck "Loamsiada". Früher wurde aus tierischen Knochen oder Knorpeln durch Auskochen ein Leim hergestellt. Dazu rührte der Leimsieder langsam und stetig das Knochengemisch in einem Gefäß, so lange, bis ein klebriger Leim entstand.

Anton Heitzmann führt ebenfalls ein seltenes Küchengerät vor: einen Kaffeeröster. Kaffee war früher nicht alltäglich und wurde "Abhaus-Suppe" genannt, da er aus Übersee kam und sehr teuer war. Wenn überhaupt, dann erhielt man Kaffee als rohe Bohnen, die erst geröstet werden mussten.

Bild: Kaffeeröster mit Drehvorrichtung zum gleichmäßigen Rösten der Bohnen

 

Ein Ausstellungsraum mit alten Werkzeugen und Arbeitsgeräten lässt erahnen, wie der Arbeitsalltag vor Generationen bewältigt wurde, und gibt auch Einblick in den Einfallsreichtum unserer Vorfahren. Man kann Berufe ergründen, die es heute entweder gar nicht mehr gibt oder die durch die Technisierung mittlerweile ganz anders ausgeführt werden.

Bild: Oben an der Wand Stangelwaagen und eine Federwaage. Darunter Werkzeuge und Utensilien für Brunnenbau, Rohr- und Leitungsbau. Eine alte Schubkarre für den Ziegeltransport und Werkzeuge der Maurer. Links ein Gestell zum Wasser tragen, darunter eine alte Gießkanne (Spritzkrug).

 

Bild: Einblick in die Wagnerei

Kustoden Familie Heitzmann

Das engagierte Kustoden-Ehepaar Josefine und Anton Heitzmann betreut seit 1993 die Geschicke des Museums und vermittelt in interessanten Führungen die Lungauer Geschichte und Kultur. Im Laufe der Zeit entstand ein interessanter Rundgang durch verschiedene Epochen und Themenwelten. Regelmäßige Sonderausstellungen und Veranstaltungen beleben den Museumsbetrieb.

Anton Heitzmann ist zudem Autor zahlreicher Beiträge zu regionalgeschichtlichen Themen und heimatkundlichen Dokumentationen.

Gemeinsam mit ihrem Sohn, Direktor Dr. Klaus Heitzmann, der seit 2009 als Obmann des Museumsvereins agiert, ist es auch gelungen, einen Schauraum für die römerzeitliche Kultur im Lungau einzurichten. Die römische Siedlung Immurium war zur Römerzeit (1. bis 5. Jahrhundert) eine bedeutsame Zwischenstation auf der Reise vom Süden in den Norden. Die römische Reichsstraße führte nicht nur durch den Lungau in Richtung Salzburg (Juvavum), sie gabelte sich auch hier in Richtung Virunum (Zollfeld bei Klagenfurt) und nach Teurnia (St. Peter bei Spittal).

 

Bild: Kustoden-Ehepaar Josefine und Anton Heitzmann.


Bild: Römersammlung im Heimatmuseum

Bild: Im Heimatmuseum ist auch ein Raum einem ehemaligen Klassenzimmer nachempfunden.


Lungauer Traditionen & Bräuche

Das Heimatmuseum zeigt aber nicht nur "alte" Dinge, es bewahrt und veranschaulicht auch Lungauer Traditionen und Bräuche. So ist im Museum der Tamsweger Samson zu Hause und man kann die Riesenfigur dort bewundern, sofern sie keine Ausrückung hat.

Wie kam der Samson eigentlich in den Lungau und welchen Zweck erfüllt er?

Anton Heitzmann erläutert, dass nach dem Augsburger Religionsfrieden im Jahr 1555 die Salzburger Erzbischöfe bestrebt waren, die Bevölkerung zum katholischen Glauben zurückzuführen. Dazu entsandte Erzbischof Paris Lodron im Jahr 1633 Kapuziner nach Tamsweg, die durch ihre Missionstätigkeit das Interesse an der kirchlichen Lehre den Tamswegern wieder nahebringen sollten. Die Kapuzinermönche erneuerten im Jahr 1636 die „Corporis Christi und Sankt-Leonhards-Bruderschaft“ und inszenierten mit ihrer Hilfe theatralische Prozessionen. Als Vorbild dienten die in Spanien gefeierten Umzüge, wo große Figuren und Bibelbilder mitgetragen wurden.

Lungau Samson

Der Tamsweger Samson ist die vermutlich älteste Riesenfigur im Lungau. Seine Existenz ist ab dem Jahr 1720 nachweisbar und wurde unter Anleitung der Kapuziner angefertigt, um bei den kirchlichen Prozessionen mitgetragen zu werden.

Erzbischof Hieronymus Colloredo untersagte allerdings im Jahr 1782 das Herumtragen übergroßer Fahnen, geschnitzter Figuren und biblischer Darstellungen. Dieses Verbot sollte auch den Samson treffen, aber die Lungauer ließen sich ihre neue und liebgewonnene Tradition nicht nehmen und trugen den Riesen alternativ am Nachmittag oder am Vorabend der Prozessionstage zur Schau.

Heute ist der 6,20 Meter hohe und 110 Kilogramm schwere Tamsweger Samson ein unverzichtbarer Bestandteil der Volkskultur und absolviert zirka zehn Ausrückungen im Jahr. Seine zwei Gefährten, die Zwerge, begleiten ihn vermutlich seit dem Jahr 1803.

Mittlerweile gibt es zehn Samson-Figuren im Lungau und zwei in der angrenzenden Steiermark. Jeder Ort ist stolz auf seinen Samson, wobei auch jeder seine individuelle Entstehungs-Geschichte hat. Gemeinsam jedoch ist allen als Vorbild die biblische Gestalt Simson, die laut Altem Testament mit einem Eselunterkieferknochen bei Lehi tausend Philister erschlagen haben soll. Daher trägt nahezu jeder Lungauer Samson auch einen solchen Kieferknochen bei sich. Viele Mythen, Legenden und Vermutungen ranken sich um diese Figur, deren Kraft und Stärke angeblich auch mit ihrer Haarlänge zusammenhängt.

 

Bild: Der Tamsweger Samson in seiner Heimstätte mit den zwei Zwergen.

Anton Heitzmann weiß viel zu erzählen und hat zu fast jedem Exponat eine kleine Geschichte parat. Ein Besuch im Lungauer Heimatmuseum ist so wirklich ein interessantes und lehrreiches Vergnügen, ohne in der Schule sitzen zu müssen!

 

Artikel: Hemma Santner-Moser

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf eine geschlechtsneutrale Differenzierung verzichtet. Entsprechende Begriffe gelten im Sinne der Gleichbehandlung grundsätzlich für beide Geschlechter. Die verkürzte Sprachform hat nur redaktionelle Gründe und beinhaltet keine Wertung.

Mit der Veränderung von Wirtschaft, Arbeitswelten und Technologien geht „altes Wissen“ bzw. Erfahrungswissen verloren. Die ältere Generation verfügt noch über dieses Wissen, das in Verbindung mit neuen Technologien und Designs aber durchaus Potential für künftige Entwicklungen bietet. Für den Biosphärenpark Lungau als Modellregion für nachhaltige Entwicklung ist die Erhaltung, Sicherung und Dokumentation von altem regionalem Wissen eine wichtige Aufgabe, um so die nachhaltige Entwicklung der Region voranzubringen.