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"Eine runde Sache..."

Die Fassbinderei Sampl in Unternberg

In einer Zeit, in der Umweltschutz und Nachhaltigkeit immer mehr Bedeutung zugemessen werden, blickt der Bindermeister Engelbert Sampl optimistisch in die Zukunft. Seine Produkte aus heimischem Lärchenholz und Eisen (Stahl) sind nicht nur langlebig und belastbar, sondern auch biologisch abbaubar: Holz verrottet oder man kann es verbrennen, Eisen verrostet.

Produkte aus Holz finden auch heute noch ihre Kunden. Von diesem naturnahen Werkstoff diffundieren keine Weichmacher oder andere Problemstoffe in die eingelagerten Lebensmittel. Holz ist aber von der Hygiene her gleichwertig mit Kunststoff.
Fassbinderei Sampl

Die Geschichte der Fassbinderei im Lungau

Ist Engelbert Sampl heute einer der letzten seiner Zunft, so waren früher mindestens zwei bis drei Binder in einem Ort wie Unternberg tätig. Es wurde ja alles aus Holz hergestellt: Wasserfässer, Bottiche, Surkübel, Butterfässer, Rührkübel uvm. Es gab keinen Haushalt in der ländlichen, bäuerlich geprägten Region Lungau, der nicht mindestens eines dieser Gebinde für Wasser, Milch und Milchprodukte, Sauerkraut oder Fleisch in Verwendung hatte.

Engelbert Sampl, der die Werkstatt im Jahr 1998 von seinem Vater übernommen hat, vertritt mittlerweile die dritte Generation in diesem Familienbetrieb. Die Binder-Werkstatt in Unternberg, einst als „Trinker-Keusche“ bekannt, hat Engelbert Sampls Großvater im Jahr 1936 eingerichtet. Dieser war zuvor als Binder auf Stör bis nach Oberösterreich unterwegs. Davon zeugt ein altes Wanderbuch, das nun sein Enkel in Ehren hält. Aus dieser Zeit stammen auch alte Werkzeuge speziell für das Binder-Gewerbe. Einen für Fassbinder typischen alten Garbhobel aus dem Jahr 1688 hat Engelbert Sampl sogar heute noch in Verwendung.

Bild: Treibhammer und Setzhammer, Taschenkalender und Wanderbuch vom Großvater, der die Werkstatt in Unternberg gründete, und ein alter Garbhobel aus dem Jahr 1688.

Sein Vater wiederum hat den Betrieb im Jahr 1965 übernommen, und selbst wenn sich die Binderfamilie Sampl in ihrer Produktion immer wieder neu orientieren und dem starken Wandel der Zeit anpassen musste, hätte sich Engelbert Sampl nie einen anderen Beruf vorstellen können.

„Bei meiner Arbeit ist es wichtig, ein guter Handwerker zu sein," so der momentan einzige gewerblich angemeldete Fassbinder im Salzburger Land.

Mit Freude und Eifer übt er den selten gewordenen Beruf aus, auch wenn die klassischen Bindereiprodukte – Rührkübel, Butterfässer oder Wasserschöpfer – nicht mehr so stark nachgefragt sind wie früher. Aus den alten Formen dieser Gebrauchsgegenstände entwirft er nun vornehmlich dekorative Schirmständer, Blumentöpfe, Sauna-Aufgusskübel, hölzerne Sektkübel und andere Souvenirgegenstände.

Manchmal bringt jemand ein altes Gebinde zur Reparatur vorbei, was ihn sehr freut. Ist das doch der Beweis für die Langlebigkeit seiner Produkte. Der Bindermeister erhält auch immer wieder Anfragen für seine massiven Fleischbottiche oder Surfässer, in denen der eingesurte Speck und das Fleisch eine besondere Qualität bekommt. Die Sache liegt auf der Hand: Holz überträgt – im Gegensatz zu Plastik und dem damit verbundenen Problem der heutigen Zeit – ja weder Schadstoffe noch Weichmacher in die Lebensmittel.

In den 1980er-Jahren produzierten Vater und Sohn Sampl große Gärfuttersilos mit 10 Metern Höhe und 4,5 Metern Durchmesser, was ein gewaltiges Arbeitspensum ausmachte. Durch die Einführung neuer Arbeitsmethoden in der Landwirtschaft und die Erfindung der Siloballen war es aber vorbei mit diesen Silos und die Binderfamilie musste wieder neue Wege finden. Berufsnahe Tätigkeitsbereiche runden seither sein Sortiment ab, und Engelbert Sampl produziert auf Anfrage Hausbänke, Gartengarnituren, Holzliegen, Holzregentonnen und große Badebottiche.

Dabei geht der Bindermeister mit Feingefühl auf die Anfragen und Wünsche der Kunden ein, denn Individualität wird in Engelbert Sampls Kleinbetrieb großgeschrieben. Ein beachtlicher Teil seiner Arbeit sind überdies Spezialanfertigungen für die Firmen Moser Holzspielgeräte und Treppenbau Wieland.

Engelbert Sampl führt seine Werkstatt als Einmannbetrieb, hoffend, dass sein Sohn David einmal in seine Fußstapfen treten wird. Durch den Einsatz von wenigen modernen Maschinen ohne kostenintensive Mechanisierung kommt er bei seiner Arbeit noch gut alleine zurecht – wenngleich eine helfende Hand manchmal nützlich wäre.

An seiner Arbeit schätzt er sehr, dass sie abwechslungsreich ist und er flexibel werken kann. So bleibt auch Zeit für die Familie und die Musik: Er ist nämlich seit 37 Jahren aktives Mitglied bei der TMK Unternberg!

Fassbinder Engelbert Sampl bei der Arbeit an einem Sauna-Aufgusskübel.

Bindermeister Engelbert Sampl an der Arbeit an einer Holz-Regentonne.


 

Wie aber entsteht nun ein Holz-Bottich oder -Kübel?

Ein Holzgebinde besteht generell aus Dauben, Reifen und Boden. Als erstes werden die Dauben gefertigt. Das heißt, je nach Gebindegröße, -höhe und -umfang werden Längshölzer aus heimischem Lärchenholz zugeschnitten. (In anderen Regionen wird das dort heimische Holz, wie zum Beispiel Eiche oder Akazie, verwendet.)  Für diesen Arbeitsschritt benötigt Engelbert Sampl weder eine Zeichnung noch ein Computerprogramm, er kennt die gängigen Abmessungen seiner Gebinde und hat durch jahrelange Erfahrung die Daten im Kopf. Wenn überhaupt, dienen Schablonen als Hilfsmittel. Eisenreifen werden aus Meterware zugeschnitten und laut Umfang des Gebindes angepasst. Mit einer Kluppe verbindet der Fassbinder die erste Daube mit einem Reifen und setzt dann nach und nach die weiteren Holzdauben ein, bis das Gebinde geschlossen ist.

Die Dauben müssen dabei haargenau zueinander passen, denn das Gebinde wird nur durch zwei oder mehr Reifen (je nach Größe) zusammengehalten, und es muss auch ohne Leim dicht sein. Die Reifen werden mit einem Setzhammer und Treibhammer aufgeschlagen. Durch die leicht konische Form des Gebindes halten die Reifen fest und rutschen nicht ab.

Das Holzgebinde wird außen und innen gehobelt und verfeinert, der Boden gefertigt, eine Nut dafür ausgefräst und der Boden eingesetzt. Das Herausmessen des Bodens ist dabei immer die größte Herausforderung. Beim Reifenmontieren kommt das Reifzieher-Werkzeug zum Einsatz.

Der Fassbinder beim Zusammensetzen des Surfasses mit Hilfe der Kluppen.

Engelbert Sampl beim Reifen anpassen.

Der Fassbinder beim Reifen aufziehen mit dem Reifzieher-Werkzeug.

Alte Werkzeuge und moderne Geräte geben bei den einzelnen Arbeitsschritten in Sampls Werkstatt eine gute Symbiose ab und der Fassbinder hält die alten Hobel, Hämmer, Kluppen, Kimmschneider und Reifzieher in Ehren. Früher hat jeder Handwerker sein Werkzeug selbst hergestellt und verziert. Auf dem alten Rundhobel sind sogar die Initialen seines ersten Meisters eingeschnitzt: J.M., für Johann Moser.

Diese Geräte und Werkzeuge waren ganz genau auf die notwendigen Arbeitsabläufe ausgerichtet, sodass man heute noch gut nachvollziehen kann, wie damals gearbeitet wurde. Natürlich möchte jeder mit der Zeit gehen, sich anpassen und auch, wenn nötig, neue Maschinen und Arbeitstechniken einsetzen. Fassbinder Engelbert Sampl zeigt aber, dass er mit den alten Methoden und Arbeitsweisen vertraut ist und gut damit arbeiten kann.

Oft sind gerade diese alten Dinge und das Wissen darum der Schlüssel zum Erfolg.

 

Alte Werkzeuge, die Fassbinder Sampl bei seiner Arbeit verwendet.

Artikel: Hemma Santner-Moser

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Mit der Veränderung von Wirtschaft, Arbeitswelten und Technologien geht „altes Wissen“ bzw. Erfahrungswissen verloren. Die ältere Generation verfügt noch über dieses Wissen, das in Verbindung mit neuen Technologien und Designs aber durchaus Potential für künftige Entwicklungen bietet. Für den Biosphärenpark Lungau als Modellregion für nachhaltige Entwicklung ist die Erhaltung, Sicherung und Dokumentation von altem regionalem Wissen eine wichtige Aufgabe, um so die nachhaltige Entwicklung der Region voranzubringen.