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Feuchtgebiete im Lungau

Prebersee. Feuchtgebiete im Lungau

Der Lungau ist eine markante inneralpine Beckenlandschaft, inmitten seiner imposanten Bergwelt verbirgt sich ein Netzwerk aus Feuchtgebieten. Diese Wasserlandschaften sind weit mehr als bloße Naturschönheiten, sondern erbringen wichtige Leistungen für Fauna und Flora sowie für uns Menschen. Intakte Feuchtgebiete wirken wie ein Schutzschild gegen Wetterextreme, indem sie Wasser in der Landschaft halten, die Temperatur regulieren und CO2 speichern.

Die internationale Bedeutung wurde im Jahr 2004 bestätigt. Große Teile des Überling-Gebiets nordöstlich von Tamsweg sowie über 200 ha Moorfläche am Schwarzenberg erhielten die Auszeichnung als RAMSAR-Schutzgebiet. Diese Auszeichnung markiert den Lungau als Feuchtgebiets-Hotspot von globalem Rang. Doch um diese Schätze wirksam zu schützen, müssen wir ihre Mechanismen verstehen.

RAMSAR

Die Ramsar-Konvention ist ein 1971 in der iranischen Stadt Ramsar geschlossenes, internationales Abkommen zum weltweiten Schutz und Erhalt von Feuchtgebieten. Es dient der Bewahrung dieser ökologisch wertvollen Lebensräume, die insbesondere für Wasser- und Watvögel von internationaler Bedeutung sind. In Österreich gibt es derzeit 26 als RAMSAR-Schutzgebiet anerkannte Feuchtgebiete nach der internationalen Ramsar-Konvention. www.ramsar.org

 

Rundweg um den Prebersee. Feuchte Wiese beim Prebersee. Blick Richtung Preber. Feuchtgebiete im Lungau
Feuchte Wiese beim Prebersee. Blick Richtung Preber

 

Systematik der Feuchtgebiete: Moore und Auen im Überblick

Die Vielfalt der Lungauer Wasserlebensräume ist das Ergebnis jahrtausendelanger Prozesse. Nach der letzten Eiszeit formte der Murgletscher und seine Seitenarme das Gelände und hinterließ eine Landschaft voller Mulden und Senken. Hier, auf wasserundurchlässigen Gneisen und Schiefern, entstand durch das Zusammenspiel von kühler Witterung und spezifischer Hydrologie eine einzigartige Standortvielfalt.

In der folgenden Tabelle werden die wichtigsten Merkmale von Mooren und Auen gegenübergestellt:

Kategorie Moore Auen 
Definition Landflächen, auf denen es auf Grund eines hohen Wasserspiegels zu Sauerstoffmangel kommt und so den vollständigen Abbau von Pflanzen verhindert. Dynamische Uferbereiche entlang von Fließgewässern mit regelmäßigen Überflutungen.
Wasserversorgung Speisung durch Grundwasser (Niedermoor) oder reinen Niederschlag (Hochmoor). Wechselnde Versorgung durch oberflächliches Wasser und schwankende Grundwasserstände.
Charakteristik  Kontinuierliche Torfbildung; fungiert als langfristiges Archiv der Naturgeschichte. Hohe strukturelle Dynamik; fungiert als ökologischer Wander- und Verbindungskorridor.

Tabelle 1: Gegenüberstellung Moore und Auen

 

Auen

Fluss in der Twenger Au. Feuchtgebiete im Lungau
Twenger Au

Auen sind wie „Lebensadern“ der Landschaft. Sie zeichnen sich durch eine permanente Veränderung aus, da sie regelmäßig von Hochwasser überflutet werden. Diese Dynamik schafft einen Mosaik-Lebensraum, der als ökologischer Wanderkorridor unverzichtbar ist. Arten können entlang dieser Flusssysteme wandern und so den genetischen Austausch im Gebirgsraum sichern.

Eine Aue entsteht durch das Spiel der Kräfte. Wasser lagert Sedimente ab, reißt Ufer an und schafft immer wieder neue Pionierstandorte. Markante Beispiele im Biosphärenpark sind das Landschaftsschutzgebiet Twenger Au sowie die geschützten Landschaftsteile Lonka Mäander Süd und Nord. Als typische Gebirgsbach-Auen sind sie geprägt von der Wildheit alpiner Gewässer und der tages- sowie jahreszeitlichen Wasserschwankungen.

Warum Auen für die Biodiversität unverzichtbar sind:

  • Laichhabitate: Seichte, sonnendurchflutete Uferzonen dienen als Laichplätze für Amphibien und Fische.
  • Rückzugsgebiete: In der oft genutzten Kulturlandschaft bieten dichte Auwälder geschützte Räume für spezialisierte Vögel und Säugetiere.
  • Strukturvielfalt: Nirgendwo sonst finden sich auf engstem Raum so viele unterschiedliche ökologische Nischen wie in einer intakten Flussdynamik.

Im Gegensatz dazu stehen die Moore. Sie sind die stillen Archive unserer Landschaft.

 

Moore

In ihren wassergesättigten und somit sauerstofffreien Schichten werden Pflanzenreste über Jahrtausende konserviert. Ein Moor entsteht immer dort, wo permanenter Wasserüberschuss herrscht. Da Mikroorganismen unter Wasser keinen Sauerstoff für den Abbau finden, bleibt organisches Material erhalten, zersetzt sich nicht und es bildet sich Torf.

Wir unterscheiden grundlegend zwischen Niedermooren, die vom Grundwasser gespeist werden, und Hochmooren. Letztere verfügen über keinen Anschluss an das Grundwasser und sind vollständig abhängig vom Eintrag von außen, beispielsweise Regenwasser.

Das Moor-Wachstum ist ein Prozess von extremer Langsamkeit. Ein gesunder Torfkörper wächst im Durchschnitt nur 1 mm pro Jahr. Es dauert ein volles Jahrzehnt, bis eine Schicht von nur einem Zentimeter entstanden ist. Während das Moor ein Jahrtausend für einen Meter Höhe benötigt, verliert ein trocken gelegtes Moor durch die wieder einsetzende Zersetzung bis zu 1 cm (Wiesennutzung) oder gar 2 cm (Ackernutzung) pro Jahr. Wir zerstören in einem Jahrzehnt, was die Natur in tausend Jahren langsam aufgebaut hat.

Die eiszeitliche Prägung macht den Lungau zu einer der moorreichsten Regionen der Alpen. Als der Murgletscher zurückwich, hinterließ er hügelige Geröllmassen. In den Mulden über dem kristallinen, wasserundurchlässigen Untergrund sammelte sich das Wasser. Besonders am Höhenzug des Überlings finden wir alpine Moor-Hotspots in beeindruckenden Lagen.

Bedeutende Moore im Überling-Gebiet sind:

  • Das Überling-Schattseit-Moor
  • Das Gstreikelmoosund das Vorderwaldermoos
  • Das Moor südöstlich der Überlinghütteauf ca. 1725 m Seehöhe

Diese Standorte beherbergen Arten, die anderswo längst verschwunden sind. Ihre biologische Einzigartigkeit macht sie zu lebenden Museen.

 

Warum Moore so besondere Ökosysteme sind: Flora und Fauna

Moore, insbesondere Hochmoore, sind extreme Lebensräume. Der Boden im Hochmoor ist sauer, nass und fast frei von Nährstoffen. Nur hochspezialisierte Überlebenskünstler können hier bestehen. Deren Anwesenheit ist der wichtigste Indikator für den Zustand des Moors.

Spezialisten der Moore, die auch im Lungau vorkommen:

  • Zwergbirke (Betula nana): Ein echtes Eiszeitrelikt. Diese Pflanze ist ein „Thermometer“ für das Moor. Sie verträgt keine Hitze und benötigt kühle, nasse Füße. Schwindet die Zwergbirke, ist das ein Warnsignal für eine dramatische Erwärmung oder eine gefährliche Absenkung des Wasserspiegels.
  • Torfmoose (Sphagnum): Die eigentlichen Baumeister. Im Moor bei der Überlinghütte wurden 14 verschiedene Arten auf engstem Raum nachgewiesen. Sie können enorme Mengen Wasser speichern.
  • Der Sonnentau (Drosera) bezieht durch das Anlocken und Fangen von Insekten seinen Nährstoffbedarf, während der Moor-oder Sumpf-Enzian (Swertia perennis) die wechselfeuchten Randbereiche besiedelt.
  • Hochmoor-Bläuling (Plebejus optilete): Der Falter ist an das spezifische, kühl-feuchte Kleinklima der Moore gebunden. Er gehört zu den sogenannten Glazialrelikten, die das Ende der letzten Eiszeit in diesen kühlen Refugien überdauert haben und außerhalb davon heute kaum noch existieren können.
  • Moosjungfer (Leucorrhinia): Moosjungfern, wie die Östliche oder die Kleine Moosjungfer, gehören zu den hochspezialisierten Libellenarten, die hervorragend an den niedrigen pH-Wert, den Nährstoffmangel und den hohen Wasserspiegel in Mooren angepasst sind.

Verschwinden diese Arten, bricht das System zusammen. Dann verlieren wir nicht nur Pflanzen, sondern auch die Fähigkeit des Moores, Kohlenstoff dauerhaft zu binden.

 

Moore und Renaturierung

Die Geschichte unserer Moore war lange Zeit von Ausbeutung geprägt. Durch Entwässerungsgräben wurde versucht, dem Land Boden für die Beweidung oder Ackerbau abzuringen. Der Torf trocknete aus und zersetzte sich, zudem verursachte das Vieh schwere Trittschäden.

Besonders gravierend ist der Verlust der sogenannten Oszillation. Ein intakter Torfkörper quillt und atmet mit dem Wasserstand. Durch Bodenverdichtung und Austrocknung verliert er diese Quellfähigkeit. Er wird spröde und kann Wasser nicht mehr halten.

Torfabbau:

Der Torfabbau bezeichnet die Gewinnung von Torf aus Moorböden, wobei dieser historisch vor allem als Brennstoff genutzt wurde und heute überwiegend als Blumenerde im Gartenbau Verwendung findet.Im Lungau wurde abgebauter Torf vorrangig für Nutzung als Einstreu in Ställen genutzt, da auf Grund der Höhenlage nur sehr wenig Getreide angebaut wurde und somit Stroh zur Einstreu fehlte. Letzter Torfstich im Lungau wurde in den 1960er Jahren im Saumoos in St.Margarethen geschlossen.

Trockengelegte Moore können auch, wie aktuell im belgischen Moor Hohen Venn sichtbar, durch die Entwässrung und langanhaltentende Hitze in Brand geraten. Dabei breitet sich das Feuer unterirdisch als Schwelbrand aus und „frisst“ sich durch den trockenen Torf. Feuer wie diese sind sehr schwer zu kontrollieren und lodern meist noch Jahre weiter unter der Erdoberfläche vor sich hin. Ein weiterer guter Grund, warum Moore wieder vernässt werden sollten.

Am Beispiel des Projekts Überlinghütte wird aufgezeigt, wie der Moor-Degenerierung entgegengewirkt werden kann:

  • Auszäunung:Konsequenter Schutz vor Trittschäden erlaubt dem Torfkörper die Regeneration.
  • Holzdämme:In alten Drainagegräben wurden 90 Dämme errichtet. Sie stauen das Wasser ein und verhindern den unkontrollierten Abfluss.
  • Zielwert:Stabilisierung des Wasserspiegels auf einem Niveau von 20 bis 30 cm unter der Oberfläche. Das ist der Bereich, in dem Torfmoose wieder optimal wachsen können.

Diese Maßnahmen sichern das Moor für die Zukunft.

Ökosystemleistungen: Unverzichtbar für Mensch und Umwelt

Feuchtgebiete sind unsere leistungsstärkste grüne Infrastruktur. Ihr strategischer Wert geht weit über den Artenschutz hinaus:

  • Klimaschutz: Moore sind die Weltmeister der Kohlenstoffspeicherung. Weltweit bedecken sie nur 3 % der Landfläche, binden aber 30 % des erdgebundenen Kohlenstoffs, das ist mehr als alle Wälder der Erde zusammen. Milderes Kleinklima durch Regulierung von Temperatur, Reinigung der Luft erwähnen
  • Wasserspeicher: Ein einziger Hektar Feuchtgebiet kann bis zu 14 Millionen Liter Wasser wie ein Schwamm aufsaugen. Das mildert Hochwasserspitzen ab und schützt Siedlungen im Tal.
  • Trinkwassersicherung: Die Bodenpassage in Feuchtgebieten wirkt als natürlicher Filter. Sie reinigen unser Wasser und sichern die Trinkwasserreserven für kommende Generationen.

Diese Leistungen sind die sicherste und günstigste Versicherung gegen die Folgen des Klimawandels.

Exkursions-Tipp: „Was bewegt den Preber?“

Wer diese faszinierenden Lebensräume selbst hautnah entdecken möchte, hat im Rahmen des Biosphärenpark-Jahreszeitenprogramms (JZP) bei der Führung „Was bewegt den Preber?“ die Gelegenheit dazu.

Entdecken Sie bei einem Spaziergang um den Prebersee seltene Moorpflanzen mit der Becherlupe und spüren Sie die Besonderheiten des Moores direkt vor Ort.

  • Termin: dienstags im Sommer, 10:00 Uhr (ca. 1,5 Stunden)
  • Treffpunkt: Parkplatz Ludlalm, Tamsweg (LungauCard Sommer Ermäßigung)
  • Anmeldung: biosphaerenpark.eu/veranstaltungen

Literaturverzeichnis

Hackl, H. (2025) Leitfaden Feuchtgebiete kompakt: Was man über Moore, Auen & Co und ihre Bewahrung wissen sollte. Schrems: Common Affairs GmbH (im Auftrag der Bundesstiftung COMÚN), im Rahmen des LE-Projektes „Ramsar Wetland Communication Hub“ in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Klima- und Umweltschutz, Regionen und Wasserwirtschaft.

Heinrich-Böll-Stiftung, GLOBAL 2000 & Naturschutzbund Österreich (2023) Mooratlas 2023: Daten und Fakten zu nassen Klimaschützern – Österreichische Ausgabe. Berlin/Wien: Heinrich-Böll-Stiftung.

Latzin, S. (2009) Hydrologisches Monitoring und Vegetationskartierung am Moor südöstlich der Überlinghütte (Lungau) – wissenschaftliche Begleitung eines Renaturierungsprojektes. Sauteria, 18, S. 237–259.